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“Ich fühlte mich nie als Dissident”

Ab heute laufen Kurzfilme von Thomas Frick im Thalia, auch auf der Berlinale ist der Potsdamer dabei (31.1.02)

Die Pressemitteilung des “Thalia” klingt lakonisch und lässt dennoch aufhorchen. Zu lesen ist, dass vom 31. Januar bis 6. Februar vier Filme des in Potsdam lebenden Regisseurs Thomas Frick gezeigt werden. “Frick, der ab 1983 erste Super-8-Filme drehte, konnte nach diversen Verhaftungen durch die Staatssicherheit erst 1988 durch die Hilfe von Lothar Bisky und Heiner Carow an der HFF studieren. Seinen Diplomfilm – Der unbekannte Deserteur – drehte er 1995 in den USA. Auf der Berlinale 2002 feiert sein erster abendfüllender Spielfilm ,Detektive Lovelorn’ mit Horst Buchholz Premiere.” Diese wenigen Sätze wecken Neugier. Wer ist dieser Mann, der trotz seelischer Drangsalierung plötzlich wie Phönix aus der Asche steigt.

Die dampfende Tasse Tee bleibt unbeachtet, während Thomas Frick die unfassbaren und abenteuerlichen Stationen seines inzwischen 39-jährigen Lebens Revue passieren lässt. Da sitzt einer, der sich nicht in Schablonen pressen lässt und doch dazu gehören wollte. “Ich wäre sogar in die SED eingetreten – hätte man mich genommen.” Stattdessen warf man ihm immer und überall Knüppel zwischen die Beine – unsichtbar und umso schmerzlicher. “Ich wäre fast depressiv geworden”, meint der künstlerische Tausendsassa und streicht über seine widerborstigen Haare. Erst nach der Wende erkannte er, dass es nicht an seiner Unfähigkeit lag, dass sämtliche Versuche, das Leben zu gestalten, scheiterten. Ein unsichtbares Netz lag über ihn ausgebreitet, von dem er sich nicht befreien konnte. Das Netz hieß Staatssicherheit. “Hineingeraten bin ich da schon während der ,Penne’ in Rostock. Ich sollte Offizier werden, wollte mich aber nicht in so ein Bewerberkollektiv reinpressen lassen.” Stattdessen sang er in Kirchenchören und wollte Medizin studieren. Das war den Behörden offensichtlich ein Dorn im Auge. “Trotz meines Zensurendurchschnitts von 1,7 verwehrte man mir die Zulassung zum Abitur.” Der Traum vom Arztberuf, den bereits seine Eltern ausübten, musste damit ad acta gelegt werden. “So wurde ich erst einmal Krankenpfleger in der Psychiatrie.” Nebenbei pflegte er seine ersten künstlerischen Neigungen, malte Karikaturen und stellte sie unter dem Dach der Kirche aus. Schließlich bewarb er sich mehrmals zum Kunststudium – immer vergebens. “Als ich mich anstelle eines erkrankten Freundes unter falschen Namen zur Eignungsprüfung vorstellte, erhielt ich auf Anhieb die Zusage: bis der Schwindel aufflog. Später konnte ich all’ dies detailliert in meiner Stasiakte nachlesen. Auch die Aussagen meiner Freundin, mit der ich sechs Jahre lang zusammen war. Ihr großes Mitteilungsbedürfnis resultierte wohl daher, dass sie mich davor bewahren wollte, auf die schiefe Bahn zu kommen. Jedenfalls redete ihr die Stasi das so ein.”

Thomas Frick ahnte von all dem nichts, versuchte sich weiter durchzukämpfen: nunmehr als Liedermacher und Autor. Er schrieb Texte, gab nicht nur in der Kirche, sondern auch beim Kulturbund Lesungen. “Doch gedruckt wurde nichts. Mit der Zeit wurde ich regelrecht depressiv, nichts klappte. Da ich seit 1979 in Greifswald als Krankenpfleger arbeitete, hatte ich wenigstens ein sicheres Einkommen. Davon kaufte ich mir schließlich mehrere Kameras und versuchte mich als Filmer. Bis mein Hauptdarsteller ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er in einem Abriss-haus Graffiti mit angeblich staatsfeindlichem Inhalt sprühte.” Es folgten Verhöre, Observationen, Hausdurchsuchungen. “Mein ganzes Filmmaterial wurde beschlagnahmt.” Später wurde auch gegen Thomas Frick ein Ordnungsverfahren eingeleitet, weil er auf einer Kindstaufe einen Film zeigte, der nicht lizensiert war, was in einem angeblich öffentlichen Raum doch Vorschrift war. “Daraufhin erhielt ich vom Oberbürgermeister Greifswalds eine Einladung, bei der ich wohl gemaßregelt werden sollte. Dort erzählte ich freimütig über meine Ansichten von der Welt, auch dass ich nicht vor hätte, Honecker zu stürzen. Ja, dass ich sogar gern etwas mit der FDJ zusammen machen würde, um die Jugend mit Kultur von der Straße zu holen. Ich war wohl sehr blauäugig, hatte so etwas wie den Kohlhaas’schen Gerechtigkeitssinn. Der Oberbürgermeister muss mir aber geglaubt haben, jedenfalls hielt er schützend seine Hand über mich, wie ich später ebenfalls aus meinen Akten erfuhr.” In Wolfgang Schnur fanden Frick und seine Freunde einen guten Anwalt. “Er sorgte mit dafür, dass ich mein Filmmaterial wieder bekam, und er gab uns auch den Hinweis, immer alles öffentlich zu machen. So schrieb ich Eingaben an Honecker und gründete am Stadtkabinett für Kulturarbeit einen Filmzirkel. Nun konnten sich alle Underground-Filmer offiziell ,zusammenrotten’, mussten nicht mehr versteckt ihre Super-8-Filme drehen. Später erfuhr ich, dass auch der Leiter des Stadtkabinetts bei der Stasi war. Aber ich glaube, er machte dies, um Leute zu schützen. Denn er plädierte in seinen Berichten immer dafür, mich in Ruhe zu lassen, da ich Künstler sei, und es nur schlimmer werden würde, wenn man mich unterdrücke.”

Fricks dornenreiche Odyssee – die er bereits als Drehbuch im Schreibtisch zu liegen hat – ließ den geborenen Rostocker kurzzeitig am Greifswalder Theater stranden, was ihm allerdings die Liebe zur Bühne so ziemlich austrieb. “Ich arbeitete in der Anrechtswerbung, musste Schuldirektoren fast erpresserisch davon überzeugen, dass sie ihre Schüler in miese Operetten-Inszenierungen schickten.” Fricks Hoffnung, in die Dramaturgie aufzusteigen und vielleicht auch mal Regie zu führen, zerstieben jedenfalls. Stattdessen schrieb er weiter Bewerbungen, jetzt an die Babelsberger Filmhochschule: Fünf Jahre lang und immer wieder umsonst. “In den Ablehnungsschreiben hieß es permanent: ich solle meine gesellschaftliche Einstellung überprüfen.” Inzwischen hatte Thomas Frick Greifswald verlassen, und sich in Berlin in einem Abrisshaus einquartiert. Er lernte Heiner Carow kennen, der bereits Filme von ihm gesehen hatte. “Carow legte bei Lothar Bisky, der gerade Rektor an der HFF geworden war, ein gutes Wort für mich ein und beide machten sich schließlich bei dem damaligen DEFA-Chef Hans Dieter Mäde stark, dass ich ein Volontariat bekam. 1988 begann ich regulär mein Studium, immer noch von der Stasi im Visier. Dennoch konnte ich frei von allen Zwängen Filme drehen. Dafür sorgte Bisky, der überhaupt über alle Studenten schützend die Hand legte.” In diesem für ihn neuartigen Klima wurde Frick gleich im ersten Studienjahr FDJ-Sekretär.

Wenn der Regisseur auf seine DDR-Vergangenheit zurück blickt, bleiben trotz dicker Stasiakten Fragezeichen. Er selbst habe sich nie als Staatsfeind betrachtet. “Ich glaube, man machte mich nur dazu, weil ich zur Szene gehörte und Partnertreffen mit Kirchengemeinden jenseits der Elbe organisierte. Dabei bekundete man offiziell die Akzeptanz gegenüber der Kirche. Auch meine Filme wurden immer total fehl interpretiert. Ich war nie mit Absicht provokant, kein Dissident, der anecken wollte. Ich stellte auch nie einen Ausreiseantrag, wollte vielmehr hier etwas besser machen. Und dafür wäre ich eben auch in die Partei eingetreten. Ich verstehe teilweise sogar Leute, die bei der Stasi mitmachten, weil sie etwas verändern wollten.” Nach der Wende lief für Thomas Frick alles bilderbuchmäßig. Mit seinem Dokumentarfilm “Zehn Tage im Oktober” war er auf vielen Festivals unterwegs, erhielt u.a. in Leipzig eine Goldene Taube. Auch sein Kurzfilm “Varieté” lief erfolgreich, wieder gab es Preise und neue erfolgreiche Filmprojekte, wie “Der unbekannte Deserteur”, den er mit Beratung Roland Emmerichs mit großem Aufwand produzierte. Dann kam nach seinem achtjährigen Studium eine ganz andere Erfahrung. Er führte Regie bei der Vorabendserie “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”. “Für mich eine gute Zeit, denn ich erlernte dort das Handwerk, um schnell und zuverlässig zu sein. Außerdem konnte ich in kurzer Zeit viele Geschichten erzählen, wenn auch mitunter recht grob. Dennoch machte es Spaß.”

Vor knapp zwei Jahren ereilte ihn ein besonderer Glückstreffer. Der Produzent Thomas Zickler, bekannt u.a. von “Knocking at heavens door”, kam auf Thomas Frick zu und bot ihm die Regie zu einem Kinofilm an: “meinem ersten. Das reizte mich natürlich.” Nun landete er mit dieser “durchgeknallten Fantasiegeschichte”, die mit vielen Effekten ausschließlich in den Babelsberger Filmstudios gedreht wurde, bei der Berlinale. Darin geht es um einen 3000 Jahre alten Pharao, der die Welt vernichten will und dabei von “Detectiv Lovelorn” aufgehalten wird. Dieser Streifen wird in der Reihe “Perspektive deutsches Kino”, in der nur zehn Filme laufen, zu sehen sein und kommt dann in die Kinos. Solange muss man indes nicht warten, um die Filmhandschrift des sich inzwischen in Potsdam sehr heimisch fühlenden Künstlers kennenzulernen. Ab heute laufen im Thalia seine vier Kurzfilme “Variete”, “Der unbekannte Deserteur”, “Emmerich” und “Grünes Licht”. Sie wurden zu einem 90-minütigen Filmpaket zusammen geschnürt, und sind bis zum 6. Februar täglich um 22 Uhr zu sehen. Unter den Zuschauern sitzt heute auch Thomas Frick, der sich im Anschluss den Fragen des Publikums stellt.

 

Heidi Jäger

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