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Frech und verrückt

Junge deutsche Filmemacher proben auf der Berlinale den Aufstand

 Berlin (ddp) Der deutsche Film hat die Schöpfungsgeschichte wieder entdeckt – und will ihr einige neue Kapitel hinzufügen. In dem Streifen “The Antman” etwa verfolgt ein mexikanischer Ameisenpriester mit irrem Klaus-Kinski-Blick den teuflischen Plan, Mensch und Ameise zu kreuzen. “The Antman” ist der wohl schrägste Beitrag für die zehn Filme umfassende neue Berlinale-Reihe “Perspektive Deutsches Kino”. Auch diese könnte am Beginn einer Schöpfungsgeschichte stehen: der eines neuen deutschen Films, gekreuzt aus kleinen Budgets und großen Phantasien.

   “B-Movies” nennt man Filme, in denen Gruselmonster vor Pappkulissen herumstolpern und Miniatur-Raumschiffe die Erde angreifen. “Wenn man einen ägyptischen Monumentalschinken mit einem halben Tatort-Budget dreht, ist das ein B-Movie”, definiert Regisseur Thomas Frick. Seine Film-Farce “Detective Lovelorn”, in der ein Privatdetektiv Pharaonen jagt, läuft ebenfalls in der Perspektiven-Reihe und bildet zusammen mit “The Antman” den kleinen Schwerpunkt “Planet B”. Antman-Regisseur Christoph Gampl weiß: “Wir schlittern da haarscharf am groben Unfug vorbei.”

   Dennoch beharren beide Regisseure darauf, große Filmkunst geschaffen zu haben. Vorbilder sind Billig-Schocker der 50er und 60er Jahre. Große Gefühle und wohlige Schauer wollen sie mit einfachen Mitteln hervorrufen. “Wir zerren die stinkende Leiche von Opas Kino wieder an das Tageslicht”, bekennt Frick. “Es ist der Versuch, gewissermaßen einen neuen Trend zu kreieren.”

   Frech, verrückt und wagemutig – so hat sich das deutsche Kino lange nicht mehr bei einer Berlinale präsentiert. Schon der Auftaktfilm der Perspektiven-Reihe am Donnerstag gab die Richtung vor: Mit Mini-Budget, Digital-Videokameras und einer Handvoll Laien mussten namhafte Schauspieler und Regisseure von Nicolette Krebitz bis Peter Lohmeyer bei den “99 Euro Films” ihr Können beweisen. Ziel des Experiments: zu zeigen, was möglich ist, wenn man sich frei macht von den Beschränkungen der Filmfinanzierung. “Da hat man immer die Schere im Kopf: Wo muss ich es spielen lassen, wie muss ich es besetzen, damit ich an die Kohle rankomme”, sagt Regisseur RP Kahl, der das “99-Euro”-Projekt initiiert hat.

   Die Subventionsmentalität im deutschen Film ist den neuen jungen Wilden ebenso ein Dorn im Auge wie der von der Kritik geforderte intellektuelle Anspruch. B-Movie-Macher Frick: “Wir sagen dem intellektuellen Kino den Kampf an. Das Oberhausener Manifest, das ist wie der Kommunismus. Das muss gestürzt werden. Ich will Filme fürs Publikum machen.”

   Neben dem neuen Selbstbewusstsein der Macher verblüfft die Bandbreite der Beiträge in der Reihe “Perspektive Deutsches Kino”. Ob schräge Dokumentation (“Absolut Warhola”), experimenteller Thriller (“Happiness is a warm gun”) oder warmherziges Pubertätsdrama (“Fickende Fische”): Der Filmnachwuchs ist wieder in der Lage, Geschichten zu erzählen. Mit “80 000 Shots” stößt Manfred Walther sogar an die Grenzen des Dokumentarfilmes. Er inszeniert die Entstehung des Potsdamer Platzes als Sinfonie einer Großbaustelle, lässt Bagger und Kräne im Zeitraffer graben und heben. An der Baustelle deutscher Film ging es nie beschwingter zu.

MARTIN GROLL

 Letzte Aktualisierung: Freitag, 8. Februar 2002

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